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Theater AG führte  „Die Dreigroschenoper“ auf

Was den Mensch zum Menschen macht
Brechts „Dreigroschenoper“ am EKG

Schuleiter Schütze-Sladek brachte in seinen Dankesworten am Premierenabend die beiden wichtigsten Dinge auf den Punkt: Brechts „Dreigroschenoper“ von 1928 hat heute – wieder und immer noch – Aktualität und wurde vom Ensemble der Schule unter Leitung von Jochen Hufschmidt grandios in Szene gesetzt.

Zuerst zu letzterem: Es war wohl durchaus ein Wagnis, Berthold Brechts proletarische Oper ungekürzt und mitsamt der schwierigen Musik Kurt Weills gemeinsam mit Theater-AG und Schul-Orchester auf die Bühne zu bringen. Denn was bedeutet das? Nicht nur, dass Texte gelernt und Szenen geübt werden mussten, sondern dass Schülerinnen und Schüler, die zuvor kaum je gesungen hatten, sich auf der Bühne vor großem Publikum wie selbstverständlich präsentierten und Weills komplizierte Kompositionen intonierten. Und das gemeinsam mit dem brillanten Orchester, das Ursula Schulten zu solchen Höchstleistungen führte. Das Ergebnis war beeindruckend: Die Szenen aus dem Leben der Londoner Halb- und Unterwelt des 19. Jahrhunderts waren nicht nur authentisch, sondern genauso witzig und peppig umgesetzt. Aus diesem Reigen einzelne Darsteller hervorzuheben, erscheint eigentlich kaum gerecht, und doch fielen natürlich Hauptdarsteller Tobias Heinrich als cool-galanter und schlitzohriger Mackie Messer, Tobias Breuer als gewiefter Bettlerkönig Peachum und Janine Koch als seine naiv-kesse Tochter Polly besonders auf. Einen Höhepunkt bildete wohl das Eifersuchts-Duett von Polly und Lucy, alias Claudia Calabrese, das beide als geschulte Sängerinnen auswies. Doch auch die Schauspieler in den kleineren Rollen gaben wunderbare Figuren ab: So entlockte Gregor Hohns als dreist-komischer Münz-Matthias mitsamt seiner Gaunerbande dem Publikum mehr als einmal schallendes Gelächter, die leichten Mädchen um Spelunken-Jenny Louisa Volmer verbreiteten frivole Atmosphäre, Moritatensänger Oliver Brückner führte mit steif-absurder Eleganz durch das Programm. Das ganze Geschehen wurde von einem geschickt gestalteten Bühnenbild, einer passenden Maske und einer aufwendigen Technik umrahmt. Das ganze beisammengehalten und zu einem so ansprechenden Ergebnis gebracht hat Jochen Hufschmidt, dessen Leistung man ahnen, aber kaum angemessen erfassen kann.

So wurde also ein Stück präsentiert, das 1928 von Brecht verfasst, auf soziales Unrecht und Verhältnisse aufmerksam machen wollte, die die Menschen geradezu zwangsläufig auf Abwege bringen und Menschlichkeit selbst in der Liebe verunmöglichen. Markante Sätze wie „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ scheinen gleichwohl aktueller denn je: Denn dass Geld die Welt regiert, ist in Zeiten der ökonomischen Globalisierung, die alle Lebensbereiche zunehmend durchdringt, nichts Unbekanntes. So könnte die „Dreigroschenoper“ heute durchaus „Peanuts-Oper“ heißen, wollte man die Dreistigkeit, mit der Banken und Konzerne Millionen wie „3 Groschen“ behandeln, charakterisieren. Aktuell, wie Schulleiter Schütze-Sladek erwähnte, ist also immer noch und immer wieder, dass soziale Not und - weltweit gedacht – Hunger und Krieg Menschen beugen und menschliches Leben verunmöglichen.

Und doch machte die Aufführung der Schülerinnen und Schüler zugleich deutlich, dass Brecht in einem wesentlichen Punkt nicht recht hatte: Er wollte zeigen, dass der Mensch in sozialer Not nicht Mensch sein kann. Hierzu gestaltete er sein Stück und Weill die Musik bewusst spröde, mitunter abstoßend, damit der Zuschauer den Personen des Stücks so „entfremdet“ sein sollte, wie es nach marxistischer Theorie der Mensch unter kapitalistischen Verhältnissen ist. Die Schülerinnen und Schüler aber füllten dieses Stück im Gegenteil mit blühendem Leben: Sie zeigten, dass der Mensch eben nicht erst dann Mensch ist, wenn er „was zu fressen“ hat – oder für uns heute gesprochen: wenn er DVD-Player und Fernsehkiste besitzt. Sondern er ist Mensch, weil er gemeinsam etwas schaffen kann, das über den einzelnen hinausgeht: ein gemeinsames Werk, das durch Engagement und Mut, durch Übung und Können, durch Liebe und Förderung, durch unerschütterliche Zuversicht und Hoffnung zu Wege gebracht wird. Das macht den Menschen zum Menschen. Und das geht weit übers Fressen hinaus. Insofern waren der Theaterabend nicht belehrend – wie Brecht es gewünscht hätte -, sondern belebend und menschlich bereichernd, Hoffnung stiftend. Den Schülerinnen und Schülern und denen, die mit ihnen arbeiten, sei gedankt!

Dr. Jochen Krautz-von Berg

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Impressum       Datenschutz      Kontakt                                                      Stand: 30. August 2010